Die Rabine-Methode
Meine pädagogische Arbeit orientiert sich an der Funktionalen Stimmpädagogik nach Prof. Eugen Rabine. Diese Methodik entstand aus der Verbindung langjähriger gesangspädagogischer Praxis mit wissenschaftlichen Erkenntnissen aus Anatomie, Physiologie, Neurowissenschaft, Psychologie und Sensomotorik und versteht sich als fortlaufender Erkenntnisprozess. Ausgangspunkt ist die Neugier, die Funktionsweise des menschlichen Instruments Stimme zu verstehen und die Zusammenhänge zwischen körperlicher Organisation, Wahrnehmung und Klangentwicklung erfahrbar zu machen.
Im Unterricht werden konkrete Bewegungsanweisungen und sensomotorische Übungen mit der Wahrnehmung der Stimmfunktion und des Resonanzraums verknüpft. Funktionale Zusammenhänge werden so erfahrbar und die Selbstwahrnehmung der/des Singenden differenziert. Die Stimme wird folglich als biologisches und lernfähiges System verstanden, dessen Entwicklung durch die Verbesserung stimmlicher und körperlicher Koordination unterstützt wird. Ziel dieser Arbeit ist eine gesunde, belastbare, flexible und individuell entwickelte Stimme, die sich frei entfalten kann und künstlerischen Ausdruck ebenso ermöglicht wie nachhaltige stimmliche Gesundheit.
Die Doppelventilfunktion
Zum Grundverständnis der Stimmfunktion gehört die Doppelventilfunktion des Kehlkopfes. Dabei sind die Stimmlippen als Unterdruckventil und die darüber liegenden Taschenfalten als Überdruckventil organisiert. Dieses System ist evolutionsbiologisch im Atem- und Schutzsystem des Menschen verankert und entstand aufgrund unterschiedlicher Lebensbedingungen und Anforderungen an die Atmung. Der Kehlkopf gehört in seiner primären Funktion zum Atemapparat. Die Stimmlippen sind Teil des Luftweges und öffnen sich für die Atmung oder schließen sich, um beispielsweise die unteren Atemwege vor Fremdkörpern zu schützen. Erst auf dieser biologischen Grundlage entwickelt sich die sekundäre Funktion der Phonation.
Im Zusammenspiel mit der Atmungsmuskulatur ermöglicht der Kehlkopf die Regulation von Luftdruck im Brustraum. Ein Überdruck entsteht vor allem durch das Schließen der Taschenfalten in Verbindung mit der Aktivität der Ausatmungsmuskulatur. Da die Taschenfalten selbst nur wenig muskulär aktiv sind, wird ihre Schließfunktion durch Muskeln des Rachenraums sowie durch zusätzliche Spannung im Kehlkopf- und Atemsystem unterstützt. Diese Überdruckfunktion wird bei körperlichen Kraftanwendungen nach außen benötigt, etwa beim Heben, bei der Defäkation oder während des Gebärens. Die dabei entstehende erhöhte Spannung im Rachenraum erschwert jedoch die Phonation.
Ein Unterdruck entsteht dagegen durch die koordinierte Schließung der Stimmlippen bei aktiver Einatmungsmuskulatur und gleichzeitig geöffnetem Rachenraum. Diese Unterdruckfunktion ermöglicht Kraftanwendungen in Richtung des eigenen Körpers, etwa beim Ziehen, bei Klimmzügen oder beim Schwimmen. Gleichzeitig unterstützt diese Organisation die inneren Kehlkopfmuskeln und schafft günstige Bedingungen für eine effiziente Stimmproduktion. Eine ungestörte Aktivität der Stimmlippen als Unterdruckventil bildet die Grundlage für die Entfaltung stimmlicher Möglichkeiten wie Tonumfang, Dynamik, Klangfarbenvielfalt, Artikulation und Ausdrucksfähigkeit.
Die menschliche Stimme ist somit das Ergebnis koordinierter körperlicher Funktionen, also von Muskelaktivitäten, die im Zusammenspiel von Überdruck- und Unterdrucksystem organisiert sind und nur teilweise bewusst gesteuert werden können. Atmung, Bewegung und Kehlkopffunktion stehen dabei in enger mechanischer und neurologischer Verbindung, sodass der gesamte Körper reflexartig an der Stimmfunktion beteiligt ist. Daraus ergibt sich die Möglichkeit, indirekt auch solche Muskelgruppen zu trainieren, die der bewussten Kontrolle nicht unmittelbar zugänglich sind, etwa die für Tonhöhe und Klang entscheidenden Muskeln Musculus cricothyroideus und Musculus vocalis.
Weitere Informationen zur Funktionalen Stimmpädagogik nach Eugen Rabine finden Sie auf der Website des Rabine-Instituts unter www.rabine-institut.de.
